Die Fuge — ein Thema, das sich verwandelt und dabei es selbst bleibt
Sechs Verwandlungen zum Anhören. Links immer dasselbe Thema, rechts die Verwandlung — dazu eine Exposition mit zwei Einsätzen.
Eine Fuge hat ein einziges Thema, und daraus wird das ganze Stück. Es tritt zuerst allein auf, dann übernimmt es die nächste Stimme, während die erste weiterläuft — und im Verlauf wird es gedreht, gespiegelt, gedehnt und gestaucht. Es bleibt dabei erkennbar, obwohl kaum ein Einsatz klingt wie der vorige.
Das ist keine Stimmung, sondern Rechnerei. Jede Verwandlung lässt sich als Zahl angeben: die Antwort liegt sieben Halbtöne höher, die Umkehrung dreht jedes Intervall um, der Krebs liest die Töne rückwärts, die Vergrößerung verdoppelt jede Dauer. Genau deshalb steht auf dieser Seite nichts, was nicht nachgerechnet wäre.
Hier stehen sechs Paare nebeneinander. Links immer dasselbe Thema, rechts die Verwandlung. Beide Fassungen lassen sich anhören — bei der Umkehrung fällt sofort auf, dass die Melodie dieselbe Gestalt hat und trotzdem in die andere Richtung geht.
Die Antwort
Die zweite Stimme bringt dasselbe Thema, jeder Ton sieben Halbtöne höher. Die Abstände zwischen den Tönen bleiben dabei unverändert — das ist der Prüfstein: eine Versetzung, die auch nur ein Intervall anders macht, ist keine. Man hört dieselbe Melodie an einer anderen Stelle, und genau davon lebt der Anfang jeder Fuge.
Die Umkehrung
Jedes Intervall geht in die andere Richtung: wo das Thema einen Schritt steigt, fällt die Umkehrung um denselben Schritt. Der erste Ton bleibt, wo er war, alles andere klappt um ihn herum. Die Gestalt der Melodie bleibt erkennbar, die Richtung ist vertauscht — hier gespiegelt Halbton für Halbton, weshalb im Bild Vorzeichen stehen, die das Thema nicht hat.
Der Krebs
Die Tonfolge von hinten nach vorn gelesen: der letzte Ton wird der erste. Das ist die Verwandlung, die man am schwersten hört, weil sich die Gestalt vollständig ändert und trotzdem jeder Ton derselbe bleibt. Auf dem Papier ist sie sofort zu sehen, im Klang braucht sie ein geübtes Ohr.
Die Vergrößerung
Dieselbe Tonfolge, aber jede Dauer verdoppelt: aus Achteln werden Viertel, und das Thema braucht zwei Takte statt einem. In einer Fuge steht die Vergrößerung meistens gegen Ende, wenn das Thema noch einmal groß auftreten soll, während die anderen Stimmen im ursprünglichen Tempo weiterlaufen.
Die Verkleinerung
Die Gegenrichtung: jede Dauer halbiert, aus Achteln werden Sechzehntel. Das Thema läuft doppelt so schnell und passt in einen halben Takt. Zusammen mit der Vergrößerung ergibt sich die Möglichkeit, dasselbe Thema gleichzeitig in zwei Geschwindigkeiten zu hören.
Die Engführung
Der zweite Einsatz wartet nicht, bis der erste fertig ist, sondern kommt hier schon nach zwei Achteln. Das Thema überlappt sich mit sich selbst — gemessen wird das an den Einsatzzeiten: solange der Abstand kleiner ist als die Länge des Themas, ist es eine Engführung. Gegen Ende einer Fuge rücken die Einsätze oft immer enger zusammen, und das Stück zieht sich damit zu.
Die Exposition: Thema und Antwort
Oben beginnt das Thema allein. Einen Takt später setzt unten die Antwort ein, eine Oktave tiefer als die reale Versetzung — und die Oberstimme spielt dazu weiter, statt zu schweigen. Diese Gegenstimme ist der Kontrapunkt zum Thema: sie muss zur Antwort passen und darf ihr nicht die Aufmerksamkeit nehmen. Am Schluss stehen beide Stimmen auf demselben Ton in zwei Oktaven.
Was mit dem Thema geschieht
Die Antwort ist die zweite Stimme: dasselbe Thema, jeder Ton sieben Halbtöne höher. Die Abstände zwischen den Tönen bleiben dabei Ton für Ton dieselben — das lässt sich am Klang nachzählen. So sieht die reale Antwort aus. Trägt ein Thema am Anfang einen Quintsprung, passen die alten Meister ihn zur Quarte an, damit die Antwort in der Tonart bleibt; dann heißt sie tonal. Das Thema dieser Seite beginnt mit einem Sekundschritt und braucht die Anpassung nicht.
Die Umkehrung dreht jedes Intervall um: aus einem Schritt aufwärts wird derselbe Schritt abwärts. Der Anfangston bleibt stehen, alles andere klappt um. Der Krebs liest die Tonfolge von hinten nach vorn — der letzte Ton wird der erste. Beide Verwandlungen ändern nur die Tonhöhen, nicht die Dauern.
Vergrößerung und Verkleinerung machen es umgekehrt: die Tonfolge bleibt, jede Dauer wird verdoppelt oder halbiert. In der Vergrößerung wandert das Thema durch zwei Takte statt durch einen. Die Engführung schließlich lässt den zweiten Einsatz beginnen, bevor der erste fertig ist — das Thema überlappt sich mit sich selbst, und je später in einer Fuge das geschieht, desto enger rückt es zusammen.
Was daneben steht
Wie zwei Stimmen zusammen geführt werden: Kontrapunkt. Wie die Abstände zwischen zwei Tönen heißen: Intervalle. Wie ein Satz schließt: Kadenzen.
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Anotona ansehenAlle Töne auf dieser Seite sind gerechnet, nicht abgetippt — nach der Skalenregel, die auch bestimmt, dass Fis-Dur ein Eis hat und kein F.