Deutsch

Notenzeichen

Der Kontrapunkt — zwei Stimmen, die zusammen klingen und einzeln singbar bleiben

Fünf Paare zum Anhören. Links der Satz, den man so nicht schreibt, rechts der regelrechte — dazu ein ganzer Satz über elf Takte.

Kontrapunkt heißt: zwei Stimmen laufen gleichzeitig, und jede ist für sich eine Melodie. Das ist mehr, als gut zusammenzuklingen — eine Begleitung, die brav in Terzen mitgeht, klingt tadellos und ist trotzdem keine zweite Stimme. Die Kunst besteht darin, beides zugleich zu haben: einen Zusammenklang, der trägt, und zwei Linien, die man einzeln singen kann.

Die Lehre dazu ist in Gattungen geordnet; hier steht die erste, Note gegen Note. Jede Stimme hat dieselben Notenwerte, und deshalb ist jeder Zusammenklang eine einzelne Entscheidung. Genau das macht die erste Gattung zum Prüfstein: es gibt keine Durchgangstöne, hinter denen sich ein schlechter Klang verstecken könnte.

Hier stehen fünf Paare nebeneinander. Links der Satz, um den es geht, rechts derselbe Anfang regelrecht gesetzt. Beide Fassungen lassen sich anhören, und der Unterschied ist meistens sofort da: bei den Parallelen verschmelzen die Stimmen zu einer, bei der Klausel bleibt der Schluss offen.

Quintparallelen

Drei Quinten hintereinander, beide Stimmen aufwärts: das ist der bekannteste Fehler des zweistimmigen Satzes. Die Quinte ist eine vollkommene Konsonanz, und zwei davon nebeneinander lassen die Stimmen zu einer verschmelzen — man hört eine Melodie mit einer Farbe, nicht zwei Linien. Rechts steht dieselbe Unterstimme, die Oberstimme geht dagegen, und sofort sind es wieder zwei Stimmen.

So nicht · Drei Quinten hintereinander, beide Stimmen aufwärts
Der Kontrapunkt — zwei Stimmen, die zusammen klingen und einzeln singbar bleiben

Quinte, Terz, Terz: die Oberstimme geht dagegen
Engraved by Verovio 6.3.0-425dd7b

Oktavparallelen

Dasselbe mit Oktaven, nur noch deutlicher: die Oberstimme verdoppelt die untere und hört auf, eine eigene Stimme zu sein. Wer es anhört, merkt, dass sich der Eindruck kaum von einer einzelnen Melodie unterscheidet. Rechts geht die Oberstimme von der Oktave über die Sexte in die Terz, und aus der Verdopplung wird eine Gegenstimme.

So nicht · Drei Oktaven hintereinander, die Stimmen laufen gleich
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Oktave, Sexte, Terz — die Stimmen gehen auseinander
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Dissonanz auf der Zählzeit

In der ersten Gattung steht auf jeder Zählzeit eine Konsonanz. Links sind es eine Quarte und zwei Septimen — Klänge, die im zweistimmigen Satz gehalten werden müssten und hier einfach dastehen. Rechts stehen Terz, Terz und Quinte. Die Quarte ist der Fall, über den am meisten gestritten wird: zwischen zwei Oberstimmen ist sie brauchbar, über dem tiefsten Ton nicht.

So nicht · Quarte, Septime, Septime — keiner dieser Klänge trägt
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Terz, Terz, Quinte — lauter Konsonanzen
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Die Klausel am Schluss

Am Schluss trägt die Oberstimme den Leitton: der vorletzte Zusammenklang ist eine große Sexte, die sich in die Oktave weitet. Links fehlt der Leitton, und die Sexte bleibt klein — der Satz endet zwar auf der Oktave, kommt aber nicht wirklich an. Beides ist erlaubt, und beides klingt anders; die alte Lehre verlangt für den Schluss die große Sexte.

Erlaubt · Kleine Sexte vor der Oktave: der Schluss bleibt offen
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Große Sexte über den Leitton in die Oktave
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Die Terzenkette

Diese Kette ist ausdrücklich erlaubt, und gerade deshalb steht sie hier: nicht jede Parallele ist verboten. Terzen und Sexten dürfen nebeneinander stehen, so viele man mag. Nur bleiben die Stimmen dabei aneinandergebunden — sie machen dieselbe Bewegung, und das Ohr hört eine Melodie mit Begleitung. Rechts genügt eine einzige Gegenbewegung, und aus der Begleitung wird eine Stimme.

Erlaubt · Lauter Terzen in derselben Richtung
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Terz, Quinte, Terz — mit einer Gegenbewegung
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Ein ganzer Satz über elf Takte

Unten liegt der Cantus firmus, die vorgegebene Melodie; darüber steht die Gegenstimme. Jeder Zusammenklang ist eine Konsonanz, keine vollkommene wiederholt sich parallel, und der Schluss geht über die große Sexte in die Oktave. Gegen- und Parallelbewegung wechseln sich ab — die Gegenstimme folgt der unteren nirgends über zwei Schritte hinaus.

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Die vier Sätze der ersten Gattung

Zusammen klingen nur Konsonanzen: Einklang, Terz, Quinte, Sexte, Oktave und ihre Erweiterungen in die nächste Oktave. Die Quarte gehört im zweistimmigen Satz nicht dazu — über dem tiefsten Ton gilt sie als Dissonanz. Das ist keine Geschmacksfrage, sondern die Festlegung, auf der die ganze Lehre steht.

Zwei vollkommene Konsonanzen derselben Art hintereinander sind verboten, wenn beide Stimmen in dieselbe Richtung gehen: Quintparallelen und Oktavparallelen. Der Grund ist hörbar und nicht nur Vorschrift — die Stimmen verschmelzen, und aus zweien wird eine. In Terzen und Sexten darf man dagegen parallel gehen, nur bleiben die Stimmen dann aneinandergebunden.

Der Schluss geht über die Klausel: der vorletzte Zusammenklang ist eine große Sexte, der letzte eine Oktave, und die Oberstimme steigt dafür über den Leitton. Die Regeln in dieser Form stehen bei Johann Joseph Fux, Gradus ad Parnassum, 1725 — seither sind sie Schulstoff, und sie sind auf dieser Seite nicht behauptet, sondern aus dem Klang nachgerechnet.

Was daneben steht

Wie die Abstände zwischen zwei Tönen heißen: Intervalle. Wie ein Satz schließt: Kadenzen. In welcher Tonart eine solche Melodie steht: Kirchentonarten.

Notenzeichen · Notenlexikon

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Alle Töne auf dieser Seite sind gerechnet, nicht abgetippt — nach der Skalenregel, die auch bestimmt, dass Fis-Dur ein Eis hat und kein F.